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Hamburgische Staatsoper - unter Besetzung
"Lulu"
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Neben seiner Arbeit als musikalischer Leiter des
interkulturellen Chores »Mirasol« ist der studierte
Soziologe Holger Waernecke auch als Komponist tätig. Zu
seinen Arbeiten zählen unter anderem lyrische Werke
sowie das Libretto zu seiner Magic-Oper »Der
Steppenwolf«. Darüber hinaus machte sich Holger
Waernecke durch die Veröffentlichung seiner
Jazz-Formationen »Holly and The Flying Oranges« sowie »Bhakti
Tautropfen Orchestra« einen Namen. Derzeit arbeitet er
an seinem Buch »Brennender Lorbeer«. Nach der Spielzeit
2003/ 2004 ist Holger Waernecke auch in dieser Spielzeit
an der Hamburgischen Staatsoper in der Rolle des
Bänkelsängers in »Lulu« zu hören. |
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Lulu –
Hamburgische Staatsoper
Hollandfestival 2003 – Amsterdam
werldpremière: 9 november 2003
Opera van Alban Berg, naar de tragedies Der Erdgeist
en Die Büchse der Pandora van Frank Wedekind
De Hamburgische Staatsoper uit Duitsland behoort tot de meest
toonaangevende operagezelschappen in de wereld. Muzikaal leider Ingo
Metzmacher en regisseur Peter Konwitschny hebben met hun eigenzinnige
visie op opera-ensceneringen de afgelopen tien jaar een belangrijk
stempel gedrukt op het Europese operagenre. Samen creëerden zij in 1998
en 2003 twee bijzondere interpretaties van de bekende opera’s Wozzeck en
Lulu van Alban Berg. Op uitnodiging van het Holland Festival zullen
beide nu voor het eerst tegelijkertijd worden uitgevoerd – een unieke
gebeurtenis, waarmee Ingo Metzmacher zijn afscheid van Hamburg en zijn
komst naar De Nederlandse Opera in 2005 extra luister bijzet.
"Dat aloude idee over Lulu, het monster, dat mannen verslindt, vind
ik saai. Dat gaan wij anders doen." Peter Konwitschny
Credits:
muzikale leiding: Ingo Metzmacher
regie: Peter Konwitschny
toneelbeeld en kostuums: Hans-Joachim Schlieker
dramaturgie: Bettina Bartz
licht: Hans Toelstede
uitvoerenden: Marlis Petersen (Lulu), Anne Gjevang, Katja Pieweck,
Dieter Weller, Jürgen Sacher, Andreas Schmidt, Albert Bonnema, Jan
Buchwald, Andreas Hörl, Hermann Becht, Peter Galliard, Carl Schultz,
Jonas Olofsson, Holger Waernecke, Peter Unbehauen
orkest: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
productie: Hamburgische Staatsoper
werldpremière: 9 november 2003, Hamburg
Wohin der Wind uns treibt: Dem
„Lulu“-Ensemble gewidmet
„Liebe bedeutet Leidenschaft, Phantasie, Schönheit“: Zitat des Robin
Williams aus dem Film „König der Fischer.
Liebe, Leidenschaft, Phantasie und Schönheit. Diese vier Begriffe fassen
in etwa zusammen, wie ich meine Arbeit mit dem „Lulu-Ensemble“ der
Hamburgischen Staatsoper verstanden habe und was ich als vorübergehendes
Mitglied dieses Ensembles erlebt habe. Alles, wirklich alles war da
drinnen. Diese „Zwölfton-Oper“ von Alban Berg, nach Frank Wedekinds
Libretto komponiert, hatte höchste musikalische Schwierigkeitsgrade.
Deshalb war es, aus meiner Sicht, auch so ungemein wichtig, dass Ingo
Metzmacher dirigierte und Peter Konwitschny Regie führte. Da war die
gebündelte kreative Kraft vereint, diesen Musik-Brocken“ adäquat
umzusetzen. Und es war dabei auch kein bunt zusammen gewürfelter Haufen
von Akteuren, die dann aktiv wurden. Das gesamte Staatsorchester schwang
in voller Konzentration, in absoluter Präzision und war fast perfekt.
Dann die Besetzung. Allen voran Marlis Petersen; sie riss das Publikum
eins ums andere mal zu Beifallsstürmen hin. Wenn sie sang, wurde das
Publikum in die höchsten Höhen sich immer wieder neu öffnender
Musik-Welten entführt. Wiewohl dieses Stück sehr schwierig war und
einige Male konnten etliche Zuschauer das Zuhören einfach nicht mehr
aushalten und gingen dann zur Pause einfach.
Aber beginne ich von vorne. Der Künstlerdienst der „Agentur für Arbeit“
in Hamburg rief mich an und schickte mich zu einem Casting an die
Probebühne der „Hamburgischen Staatsoper“. Sie müssen wissen, ich bin
wirklich kein Musiker und Sänger klassischer Coleur, sondern eher ein
Liederschreiber und Sänger mit Naturstimme, der sich durch die „Beatles“
in seiner Jugend musikalisch nachsozialisiert hatte. Als Knabe hatte ich
zwar eine wunderbare Stimme, die mir oft in Eisgeschäften und anderen
Orten „Einkommen“ brachte, die aber nach dem Stimmenbruch verschwand, so
dass ich zunächst das Singen mit Stütze und Ton vor der Nase nicht
gelernt hatte. Erst sehr viel später nahm ich dann bei dem Wagner-Tenor
Michael Mertig, der auch Hannes Wader unterrichtete, Gesangsunterricht.
Fasziniert stellten er und ich fest, dass sich meine einstige
Knabenstimme, die ich für verloren hielt, in einen warmen Bariton
verwandelt hatte. Dieser „Stimmenschatz“ war aber nie vorher „gehoben“
worden. Als Michael mir anbot, einmal bei einem von ihm veranstalteten
Kirchen-Konzert zu singen überkam mich schon eine große Freude. Leider
ließen meine damaligen beruflichen Verpflichtungen eine Fortsetzung des
Unterrichts nicht zu. Meine Natur-Stimme aber war jetzt mit einem lange
von mir vermissten tiefen Ton ausgestattet, was mir heute, beim Singen
eigener und fremder Lieder, sehr zugute kommt. Die Beatles jedenfalls
waren es, die mich, und auch so viele andere, in die Musik, in die für
uns wirkliche Musik, brachten. Das bedeutete aber auch „Roll over
Beethoven“, was für uns junge Musikbegeisterte einem Schlachtruf
gleichkam. Klassik wurde zu Hause doch immer zum Sonntagsbraten, vom
Plattenteller serviert. Dies ging einher mit all den Widersprüchen, die
man in seinem Elternhaus vorfand und die dann u.a. durch Beispiele aus
Opernarien gekittet wurden, in dem Vater darauf hinwies, wie schön Musik
doch sein könne und welche Werte dort vermittelt würden. Ich nahm das
auch sehr ernst denn mein Vater, selber ein exzellenter Sänger, der auch
schon mal vom damaligen Swing –Orchester Teddy Stauffer`s begleitet
wurde, hatte einen guten musikalischen Geschmack. Er liebte Benjamino
Gigli und dessen Interpretation des italienischen Kinderliedes „Nina
Nana“ oder hörte mit Inbrunst „Die Moldau“. Nur Mozart, mein heimlicher
Favorit, kam ihm nicht ins Haus. Später fand er sogar Elvis und die
Beatles gut. Aber alles, was wir pubertierenden jungen Menschen nun aber
aus England zu hören bekamen, widersprach dieser Musik und deren Werte.
So gab es auch eine regelrechte Notenverachtung. Die Beatles waren
nachgerade stolz darauf, keine Noten lesen zu können.
Nun ja, hätten sie aber ihren Produzenten George Martin nicht dabei
gehabt, der seinerzeit auch Dirigent der Londoner Philharmoniker war, so
wären wohlmöglich nie so schön für Streicher und Blech arrangierte Werke
wie „Yesterday“ oder „All you need is Love“ oder das dramatische
Lennon-Werk „A day in a Life“ entstanden. Kurzum, Noten??! Vom Blatt
spielen?! Nur was für Blockflöte trötende Spießer, wie wir meinten. Wie
vermessen doch, wie ich heute finde. Ich will auch nicht groß über das
Für und Wider des Vom-Blatt-Spielens“ lamentieren, aber aus meiner
heutigen Sicht wäre es schon sehr nützlich gewesen, wenn mal ein
vernünftiger Musiklehrer an unserer Schule einen vernünftigen
Musik-Unterricht zustande gebracht hätte. Die Notenlehre blieb uns
Schüler, meines Erachtens durch falsche oder überhaupt keine Vermittlung
weitestgehend ein Buch mit sieben Siegeln. Erst später, im Verlaufe
meines Musikerlebens, habe ich mir nach und nach die nötigen
musiktheoretischen Daten zusammengesammelt. Unser damaliger Pianist vom
„Bhakti-Tautropfen-Orchestra“ zum Beispiel hatte, nach Gründung unserer
Band, gerade sein Konzert-Pianisten-Diplom am Augsburger
Musik-Konservatorium erworben.. Er hatte uns relativ Theorie-Unkundigen
den Funktionszusammenhang des Quinten-Zirkels und einiges andere aus der
Harmonie-Lehre beigebracht. Er aber wollte nie mehr Klassik spielen und
war dem Free Jazz verschrieben. Freie Improvisationen bildeten die
Grundlage unseres Musizierens. Aber vom Blatt, so wie es die Musiker des
Staatsorchesters tun, habe ich fortan nie gespielt und nie spielen
müssen, weil ich immer eigene musikalische Projekte in unserer eigene „Lead-Sheet-Sprache“
produzierte. Immer alles aus dem Kopf und nach dem Gehör. Und nun,
Staatsoper, „Lulu“, somit das musikalisch Schwierigste, was es meines
Erachtens überhaupt gibt.
Das „Casting“
Ich kam also zum Vorsingen und - Spielen bei der Probebühne der
Staatsoper an und lernte sogleich Peter Konwitschny, den Regisseur der
Oper, kennen. Peter, ein hoch gewachsener, lässig mit Jeans bekleideter
langhaariger Mann mit Zopf, begrüßte mich sehr freundlich und nahm mich
mit in einen separaten Proberaum, in dem ein Flügel stand. Er bat mich,
etwas vorzusingen. Ich wählte mein Lieblingsstück „Wenn alles sich
dreht“ von Jaques Brel komponiert, aus. Inbrünstig sang ich dieses
wundervolle Lied mit der zum Schluss so ungeheueren Steigerung des
Tempos. Peter und sein Begleiter waren beeindruckt und gratulierten mir
zu meinem Vortrag. Dann spielte er mir die besagte Ballade „Konfession“
vor, die ich nun künftig in der Rolle eines Bänkelsängers singen sollte.
Dieses Lied wurde von Frank Wedekind sowohl getextet, als auch
komponiert. Der Rhythmus war etwas schwierig im 6/8 Takt. Das grandiose
daran aber war, dass genau mit dieser Melodie die Ouverture der Oper
beginnt. Ich sollte das Lied, als Straßenmusikant verkleidet, im Foyer
der Oper singen und beim dritten Klingeln das Ganze im Saal wiederholen.
Mit Spots auf mich gerichtet, sollte ich dann singender und spielender
Weise die Seitengänge hinunter bis zum Orchester-Graben gehen, um mich
dort dem Publikum zuzuwenden. Am Ende der zehnten Strophe würde ich dann
vom Staatsorchester unterbrochen werden, welches dann die Melodie der
Ballade übernehmen sollte. Man trug mir auf, das Orchester daraufhin zu
beschimpfen, um danach den Saal wieder zu verlassen. Ende unseres
Auftritts. Das war die Aufgabe. Puh, dachte ich, als Peter mir das nun
erklärt hatte. Er sagte: „Sie sind doch Profi, das kriegen sie schon
hin!“ Zu diesem Zeitpunkt wusste ich aber noch nicht, dass wir diese
Aufgaben zu zweit zu lösen hatten. Peter Unbehauen, ein Hamburger
Jazzmusiker und Autor, sollte den zweiten Bänkelsänger geben. Ich kannte
ihn aus vergangenen „Hamburger-Szene“-Tagen, in denen wir in zueinander
in Konkurrenz stehenden Bands spielten. Fünfundzwanzig Jahre hatten wir
uns nicht mehr gesehen und trafen uns hier nun wieder.
Peter Unbehauen und ich hatten zwar ein Stück weit eine gemeinsame
musikalische Vergangenheit, doch ist es, außer dass wir uns bei einigen
Auftritten mal über den Weg gelaufen sind und auch mal den einen oder
anderen Small-Talk geführt hatten, nie zu einer bedeutenderen
musikalischen Zusammenarbeit gekommen.
Die musikalische Arbeit
Peter ist ein Multi-Saiten-Instrumentalist. Er spielt eine sehr gute
Folk-Gitarre mit Finger-Picking, gleichzeitig noch Banjo, Mandoline und
Kontrabass.
Mit Letzterem unterhält er oft in einschlägigen Hamburger Jazz-Clubs mit
seiner Band die Leute. Überdies spielt er noch ein hervorragendes
Akkordeon, dass er bei Auftritten im maritimen Bereich oft zum Einsatz
bringt. Da er dazu noch Musiklehrer ist, verfügt er über profunde
musiktheoretische Kenntnisse. Was mich aber am meisten an ihm erstaunte,
waren seine zeichnerischen Fähigkeiten. Er ist ein wahrer Meister der
Kalligraphie, einer meditativen asiatischen Schriftübung. Er schuf
freihändig die schönsten kalligraphischen Schriftzüge und stellte damit
wahre Kunstwerke her. Ein Computer hätte das nicht besser gekonnt. Vor
mir stand also ein gereifter Künstler, etwas scheu, zurückhaltend,
wortkarg. Er hatte schon einige Zeit vor mir den Job angeboten bekommen
und war bei seinen Proben zu dem Wedekind-Lied „Konfession“ deshalb
schon etwas weiter fortgeschritten als ich. Ich bekam mein Angebot etwa
zehn Tage vor der ersten Orchesterprobe und musste mich nun richtig
ranhalten, um dieses schwierige Lied einzustudieren. Peter Konwitschny
hatte mir die Noten dazu gegeben. Um mir ganz sicher zu sein, dass ich
dieses Lied nun auch richtig einstudiere, hatte ich Okko Bekker gefragt,
ob er Notist sei oder auch seine „liebe Not mit den Noten“ hat; ob er
mir also bei dem Arrangement der Ballade helfen könne. Okko willigte
sofort ein. Okko Bekker ist eine Hamburger Musik-Institution, ein
Musiker, der mit seiner Comedy-Music-Band „Okko, Lonzo, Chris und Timpe“
eben auch in den frühen Hamburger-Szene-Tagen Furore gemacht hatte. Er
ist ein guter Freund von Otto Waalkes, hochintelligent und schlau. Ein
richtiger Fuchs im Musikbusiness, mit allen Wassern gewaschen, der heute
Filmmusiken schreibt. Dieses überaus harte Geschäft hatte ihn nie
verbogen. Ich lernte ihn als hilfsbereiten und absolut ehrlichen
Menschen kennen, der sich aber seines Ranges in der Hamburger
Musikhierarchie voll bewusst ist. Ich traf mich also mit Okko in seinem
Studio, um „die Nummer auseinander zu klabüstern“. Er setzte sich an
seinen Rechner und nahm Note für Note auf. Dann spielte er es ab und
siehe da, die komplette Melodie nebst Begleitung wurde hörbar. „Soviel
zum Notisten“ sagte er abschließend, was einen kleinen Lachkrampf bei
uns beiden nicht verhindern konnte. Also auch einer so wie ich, der alle
Notenwerte kannte, aber eben nie richtig vom Blatt spielen musste,
sondern immer frei nach Gehör gespielt hat. Aber er hat diese Sache so
gut hinbekommen, dass ich nunmehr eine musikalische Folie hatte, an der
entlang ich mir das Lied, nun auch mit Hilfe der Noten, aneignen konnte.
Eine fiebrige Erkältung, die gerade in dem Moment im Anzug war, als ich
das erste mal bei der Casting-Probe bei Peter Konwitschny war, warf mich
nun auch noch in meiner Zeit, die ich zum Proben zur Verfügung hatte, um
drei Tage zurück und ich war schon ganz verzweifelt. „Schaffe ich das
bis zur groß angekündigten Premiere überhaupt noch….?“ fragte ich mich
immer wieder. In meiner Wohnung probte ich Tag und Nacht. Dann lief ich
morgens singender weise durch den Stadtpark Peter wollte das Lied auch
etwas rezitativ gesungen haben, also mit besonderen, sprechgesanglich
orientierten Betonungen einzelner Zeilen. Besonders den Ausruf „Wie viel
lieber wär`ich eine Hure!“ wollte er fast geschrieen haben. Ich lief
also frühmorgens um sechs Uhr durch den Stadtpark und brüllte immer
wieder, wenn diese Zeile im Lied drankam: „Wie viel lieber wär` ich eine
Hure!“
Das wiederum veranlasste einen eher etwas kleineren Hund, der mit seinem
Frauchen dort spazieren lief, mich, fest die Vorderpfoten in den Boden
gestampft, aus ca. fünfzehn Meter Entfernung anzuknurren und anzubellen.
Er wollte sein „Frauchen“ beschützen. Erst als ich der Frau zurief, dass
es sich bei meinem Geschrei um eine Theaterprobe handele, sprach sie
beruhigend auf das Tier ein, so dass es, zwar noch murrend und knurrend
und sich immer wieder drohend umdrehend, mit ihr von dannen zog. Ich
musste erst einmal stehen bleiben, um mich vor Lachen auszuschütten. Das
war eine Real-Satire wie ich sie liebte.
Der Text
Der Text des Liedes „Konfession“, den ich auswendig zu lernen hatte, war
von solcher Gedankentiefe. Wie intensiv hat wohl der Autor auf dem Grund
seiner Empfindungen geforscht, um diese glanzvollen Worte in den
Theaterhimmel empor zu taufen. Dabei hieß es von gut unterrichteter
Seite, dass Frank Wedekind seine Sozialkritik an der Gesellschaft der
frühen Jahre des letzten Jahrhunderts, in denen „Lulu“ ja spielt, selbst
der verlogenen Doppelmoral bürgerlichen Lebens unterworfen war. Sich
ihrer also nicht erwehren konnte. Hatte er in seinem Text doch recht
frei, wenn auch etwas verschlüsselt, seine Bedürfnisse artikuliert, so
sah es in seinem wirklichen Leben dann doch wohl etwas anders aus. Er
soll die Dienstmagd seiner Ehefrau zu seiner Geliebten gemacht haben. Na
ja,…ich will Frank Wedekind hier nicht desavouieren, denn über Moral zu
urteilen ist difizil. Legen wir also gnädig den Mantel des Schweigens
über diese Geschichten und widmen uns lieber dem Verlauf dieser
unglaublichen Story über zwei Hamburger Liedermacher, die plötzlich in
die Weihen der Hamburgischen Staatsoper erhoben wurden. Der Text:
Konfession
Freudig schwör` ich es mit jedem Schwure,
vor der Allmacht die mich züchtigen kann.
Wie viel lieber wär` ich eine Hure,
als an Ruhm und Glück der reichste Mann.
Welt in mir ging dir ein Weib verloren,
abgeklärt und jeder Hemmung bar.
Wer war für den Liebesmarkt geboren,
so wie ich dafür geboren war.
Lebt` ich nicht der Liebe treu ergeben?
Wie es and`re ihrem Handwerk sind?
Liebt ich nur ein einzig` mal im Leben,
irgendein bestimmtes Menschenkind?
Lieben nein, das bringt kein Glück auf Erden!
Lieben bringt Entwürdigung und Neid.
Heiss und oft und stark geliebt zu werden,
das heißt Leben, das ist Seligkeit.
Oder sollte Schamgefühl mich hindern?
Wenn sich erste Jugendkraft verliert.
Jeden noch so selt`nen Schmerz zu lindern,
den verweg`ne Phantasie gebiert.
Schamgefühl ich hab` es oft empfunden.
Schamgefühl nach mancher edlen Tat.
Schamgefühl vor Klagen und vor Wunden,
Scham wenn endlich sich Belohnung naht.
Aber Schamgefühl des Körpers wegen,
der mit Wonnen überreich begabt.
Solch ein Undank hat mir fern gelegen,
seit mich einst der erste Kuss gelabt.
Und ein Leib vom Scheitel bis zur Sohle,
allerwärts als Hochgenuss begehrt.
Welchem reiner`n, köstlicher`n Idole,
nach zu streben ist das Dasein wert?
Wenn der Kniee leiseste Bewegung,
Kraft erzeugend wirkt wie Feuersglut.
Und die Kraft aus wonniger Erregung,
sich zu überbieten nicht mehr ruht.
Immer unverwüstlicher und süßer,
immer klarer im Genuss geschaut.
Das es statt vor Ohnmacht dem Genießer,
nur vor seiner Riesenstärke graut.
(An dieser Stelle unterbrach das Orchester…)
Welt, wenn ich von solchem Zauber träume,
dann zerstiebt zu nichts was ich getan! .
Dann preis` ich das Dasein und ich bäume,
zu den Sternen mich vor Größenwahn.
Unrecht wär`s wollt`ich der Welt verhehlen,
was mein Innerstes so wild entflammt.
Denn vom Beifall vieler braver Seelen,
frag` ich mich umsonst woraus er stammt. .
Nach dem Vorsingen und meiner darauf erfolgten Buchung bei und von Herrn
Konwitschny erwischte mich gleich eine Grippe. Schon bei dem Vorsingen
spürte ich sie, wie schon erwähnt, heraufziehen. Dies war natürlich
etwas beschwerlich für mich, denn ich hatte insgesamt sowieso nur zehn
Tage Zeit, diese Wedekind-Ballade „Konfession“ einzustudieren. Hinzu
kam, dass ich zu der Zeit eine sehr leidenschaftliche, inspirierende und
aufregende Liebesbeziehung zu Gesa, einer Uelzen/Borner
Kunsttherapeutin, hatte, die bei mir zu Hause oft, und auch in dieser
Zeit, zu Besuch war. Meine Wohnung ist nicht sonderlich groß. Zwei
Zimmer, Küche, Bad. Gesa ist ein sehr ordentlicher Mensch, die ständig
am aufräumen war, was eigentlich ja schön ist, aber völlig konträr dazu
stand, dass ich, wenn ich etwas einzustudieren habe, auf Ordnung nicht
besonders achte. Ich hechtete und tigerte rezitierender und singender
Weise, das Lied ständig vom Tape hörend, dann immer die fünfundvierzig
qm-Zimmer rauf und runter. Zwischendurch musste ich mich dann mal wieder
hinlegen, weil mein Fieber dann schon beachtlich hoch stieg.
Kalte Wadenwickel machten mich dann auch wieder einigermaßen fit, so
dass ich dann auch weiterproben konnte. Gesa konnte das alles natürlich
nicht so richtig verstehen, oder besser, sie verstand zwar, doch ihr
fehlte einfach das Verständnis für meine Arbeitsweise. Sie blieb nachts
immer gerne lange auf, trank auch gern ein Fläschchen Wein dabei, was
sie in meiner Küche tat, in der sie dann die halbe Nacht saß, Musik
hörte und „arbeitete“, wie sie es ausdrückte. Ich aber versuchte zu
schlafen, schnell wieder gesund zu werden, damit ich gut vorbereitet zur
ersten Probe an die Staatsoper kommen konnte.
Da Gesa erst spät in der Nacht in mein Bett kam und ich aber nun
wiederum früher aufstand, waren Konflikte bald nicht mehr zu vermeiden.
Einen solchen Stress und dann noch während des Einstudierens dieses
wirklich nicht einfachen Wedekind-Textes mit einer Grippe im Kopf, war
beinahe zu viel für mich. Ich versuchte dem auszuweichen und begab mich,
um in Ruhe arbeiten zu können und wie oben, in der kleinen „Hunde-Story“
bereits beschrieben, in den Stadtpark, wo ich frühmorgens laut
rezitierend und singend herumlief, was aber auch nicht gerade zuträglich
zur Verbesserung meines grippalen Infektes war. Irgendwann, so ungefähr
sechs Tage vor der ersten Probe, bat ich Gesa, mich hier doch allein zu
lassen, damit ich in Ruhe arbeiten könnte. Etwas beleidigt zog sie von
dannen. Puh!
Mein grippaler Infekt legte sich allmählich, so dass ich nun beginnen
konnte, meine eigene musikalische Begleitung auf der Gitarre
einzustudieren. Zwei Tage vor der ersten Probe traf ich mich dann mit
Peter Unbehauen, meinem Kollegen, um das Lied gemeinsam zu proben. Dann
trafen wir uns mit Peter Konwitschnie, dem Regisseur der Oper, und
trugen ihm unsere Duo-Fassung vor. Peter, mein Kollege, hatte etwas
Schwierigkeiten mit dem sprechgesanglichen Charakter des Liedes, so dass
wir uns erneut zu einer Probe trafen, in der ich versuchte, ihm das
rezitative Singen näher zu bringen. Er bekam das dann auch einigermaßen
hin, blieb aber im Wesentlichen bei seiner eher Folk-Song-artigen
Auffassung dieses Stückes. Wir einigten uns, dass ich dann während der
Proben und Aufführungen in die Anpassung gehen würde, um ihn zu stützen,
was mich, als eigentlich präsenter Bühnenkünstler einigermaßen in
Verlegenheit brachte, weil ich in meinen sonstigen Gesangsdarbietungen
immer sehr offensiv und dem Publikum zugewandt bin. Wir ahnten schon was
auf uns zukam, denn wir sollten das Ganze ja im Saal der Staatsoper,
jeweils die beiden weit voneinander entfernt liegenden Seitengänge
hinunter „wandelnd“ und über die Köpfe des bereits sitzenden Publikums
hinweg möglichst synchron zum Vortrage bringen. Dass Peter aus besagten
Gründen nun die Führung dabei übernahm hatte zwar den Nachteil, dass ich
ein Stückchen meiner Dynamik aufgeben musste, andererseits war Peter
besser vorbereitet, weil er schon eine Woche früher kam als ich und ohne
Erkrankung proben konnte. Von daher war diese Lösung für mich dann auch
ok, so dass ich ihm künftig „hinter her sang“, somit seinen mangelnden
Stakkato-Gesang etwas ausgleichen konnte und er mir dafür Sicherheit
gab.
Dieser arbeitsteilige Ausgangspunkt war für uns beide zu akzeptieren und
so kamen wir zur ersten Probe in den großen Saal der „Hamburgischen
Staatsoper“, wo Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny uns freundlich und
herzlich begrüßten. Diese Probe wurde der Orchesterprobe vorangestellt.
Wir sangen das Lied vor und naturgemäß verhaspelte ich mich ein wenig,
was zur Folge hatte, dass mich der Regisseur ermahnte, den Text noch
sicherer vorzutragen. Meine Entschuldigung ob meiner etwas widrigen
Probenumstände ließ er zwar gelten, entließ mich aber mit den Worten,
„dass es zur Orchester-Probe aber sitzen müsse“. „Oha“, dachte ich, „
hier weht aber ein heißer Wind.“ Peter Unbehauen war so ein guter
Freund, dass er mir anbot, weiter Zeit für Proben mit mir zu opfern und
so probten und probten wir das Lied immer wieder, bis es dann so saß,
das mir mein Gehirn nun wenigstens
den kompletten Text zum Gesang servierte, ohne dass ich dabei noch
weiterhin aus dem Tritt kam. Dergestalt präpariert trafen wir uns zur
Orchester-Probe. Wir spielten unseren gesamten Auftritt vom Foyer bis
zum dritten Klingeln durch. Im Saal angekommen, schritten wir die Stufen
bis zum Orchestergraben singender- und spielender weise herunter,
sangen, nun vor dem Orchester aufgebaut, noch zwei weitere Strophen in
den publikumslosen Saal, wobei Ingo Metzmacher uns verabredungsgemäß mit
dem Orchester unterbrach und das Orchester veranlasste, die Melodie des
Liedes zu übernehmen, die ja den Auftakt der Ouvertüre dieses Stückes
bildete. Zwar hatte ich auch diesmal noch ein paar kleine Aussetzer, die
ich aber damit zu überdecken suchte, mich eher tastend singend
vorzuwagen, derweil mein Kollege Peter laut und deutlich sang.
Peter Konwitschny war`s zufrieden, denn er hatte natürlich gemerkt, dass
wir auch, wie geheißen, weiter an diesem Stück gearbeitet hatten. Er
munterte uns auf und sagte mir dann aber auch noch, dass ich das Ganze
bitte etwas lauter singen solle, dieses aber augenzwinkernd, was ich
Klasse von ihm fand.
„Der Mann hat Ahnung und Stil“; dachte ich so für mich.
Nach dieser Probe blieben Peter und ich im Saal und schauten uns die
weitere Probe des gesamten Ensembles an. Ich sah die Hauptdarstellerin,
Marlis Petersen, dabei das erste Mal, sah, in welchem Verhältnis die
einzelnen Akteure zueinander standen. Es kommen in dem Stück
hocherotische Szenen vor und Marlis hatte von daher ein bühnenmäßig
bestimmtes Techtelmechtel mit allen anwesenden Tenören. Ich war gespannt
zu sehen, ob die Herren nun Spiel und Realität auseinander zu halten
wussten oder ob da etwa auch echte Eifersucht im Spiel war, so wie es ja
in dem Stück dargestellt werden sollte. Es waren aber alles Profis und
sie lachten und amüsierten sich über das Geschehen. Wer wohl mit wem was
hat? Dachte ich so still für mich und schaute mir das Geschehen noch
interessierter an. Jedoch werde ich mir, hier an dieser Stelle, auch
wenn ich da zu Ergebnissen gekommen wäre, absolutes Stillschweigen
verordnen.
Die Premiere
Die Staatsoper war schon eine Wochen lang mit dem in riesigen Lettern an
der Glasfront angebrachten Namen L U L U geschmückt. In allen Medien
wurde über die bevorstehende Premiere berichtet. Das Foyer der Oper
füllte sich mit elegant gekleideten Menschen. Es summte und brummte vor
Stimmengewirr als ich, vom obersten Stockwerk des Foyers das Lied
singender und spielender weise, den auf den Gängen versammelten Leuten
gegenübertrat. Die Überraschung war gelungen. Sie schauten mich erstaunt
und teils erschrocken an. Hat sich hier etwa ein Straßenmusikant
eingeschlichen? Was tut der hier?! Sie schauten wie Kühe wenn`s blitzt.
Doch nach und nach fingen sie an zu begreifen, dass das Lied, das ich
sang, vielleicht ja doch zu der Oper gehörte, denn ein Straßenmusikant
würde ja wohl niemals einen solch komplizierten Text vortragen. Wieso
auch…?
Einige Leute blätterten in ihren Programmen um etwa einen Hinweis auf
das Dargebotene vorzufinden. Andere näherten sich mir interessiert und
neugierig, fragten mich, wer das Lied geschrieben hätte, andere
ignorierten mich einfach. So ging ich Stockwerk um Stockwerk bis in das
Eingangs-Foyer hinunter. Auf der Hälfte der Strecke hörte ich meinen
Kollegen singen. Das irritierte mich ein wenig, so dass ich schnell eine
Treppe tiefer hinunterging und dort meinen Vortrag fortsetzte. Im Foyer
und dem darunter gelegenen Graderobenraum sang ich mit Inbrunst diese
wunderschöne Wedekind-Ballade und etliche Kultur beflissenen Leute
nickten mir anerkennend zu, andere applaudierten symbolisch.
Nach dem 2. Klingeln ging ich, wie verabredet, zum Haupteingang des
Opernsaals, wo Peter und ich, jeder an seiner Eingangstür wartend, auf
das dritte Klingeln horchten, das unser Signal war, die Ballade, nun im
Saal, die Seitengänge herunterwandelnd, vorzutragen. Mir klopfte das
Herz bis zum Hals und als das Signal kam, betraten wir mit unseren
Gitarren den Saal. Gleißende Spots waren auf uns gerichtet, zwischen uns
die Menge der sitzenden und noch plaudernden Zuschauer und wir begannen,
um Synchronität kämpfend, zu singen. Es war plötzlich mucksmäuschenstill
im Saal und als ich „Wie viel lieber wär` ich ein Hure“ Chlochard-mäßig
brüllte, so wie Peter Konwitschny es wünschte, flogen etliche Köpfe in
meine Richtung und einige empörte Rufe aus dem Publikum wurden laut. Ja,
so wollten Ingo und Peter das ja haben!. Irritiert aber auch fasziniert
schaute sich das Publikum nach uns um. Ich ging langsam auf den im
gleißenden Licht befindlichen Orchestergraben zu und drehte mich, unten
angekommen, dem Publikum in diesem ausverkauften Riesensaal zu, nicht
jedoch ohne vorher zu meiner alten Bekannten Dorothy Habig, Hornistin im
Orchester, hinunterzuschauen und sie mit den Augen zwinkernd zu
begrüßen.
Ingo Metzmacher stand, mir zugewandt und seinen Taktstock bereithaltend,
an seinem Pult und wartete auf das Ende der 10. Strophe, jener, in der
er unseren Vortrag unterbrechen wollte und nach der das Orchester die
eben noch gesungene Melodie übernahm, weil gerade mit dieser der Auftakt
der Ouvertüre zu Lulu beginnt.
Perfekt setzte das Orchester ein und nun mussten wir die Musiker dafür
beschimpfen, dass sie uns unterbrochen hatten. „ „Immer das Gleiche mit
Euch! Jedes mal fangt ihr mitten in unserem Lied an zu spielen, das ist
doch eine Schweinerei so was, ich kündige!“ Völlig konsterniert, einige
aber auch amüsiert, schauten die Leute im Saal diesem unserem Treiben
zu. Noch immer leicht schimpfend und sich mit Gesten an das Publikum
wendend, gingen wir dann langsam aus dem Saal hinaus. Ende unseres
Auftritts. Puhh!!
In der Kantine
Nach unserem Auftritt gingen Peter und ich in die Kantine. Wir hatten
unsere Gitarren dabei und als der Chefbeleuchter uns sah sagte er: „Hey,
da sind ja unsere Jungens, kommt, spielt uns mal ein bisschen Rock`n
Roll!“ Peter und ich ließen uns das nicht zweimal sagen. Wir legten
sofort mit dem Beatles-Kracher „I saw her standing there“ los. Die
Beleuchter-Crew strahlte. Dann folgte „Roll over Beethoven“, natürlich
ging sofort die Tür auf und das Ensemble des Staatsorchester kam herein,
um in der Pause etwas zu trinken oder zu essen. Die meisten von denen
freuten sich über unsere Musik aber einige guckten auch pikiert. Dann
spielten wir etwas Ruhigeres. Als mir jemand sagte dass unter denen
jetzt auch ein berühmter Dirigent sei, stimmte ich Udo Lindenbergs Song
„Der Dirigent“ an. Das musste einfach sein. Die Jungs und Mädels vom
Orchester aber bewiesen ihren Humor und der Dirigent auch. Hier mal den
Text dazu:
Der Dirigent
Er war ein Dirigent
Ein großer Dirigent!
So berühmt wie Herbert von Karajan.
Wenn er den Taktstock
In seine Hände nahm
Dann hielt das Publikum
Den Atem an.
Das Orchester war getrimmt
Und bestens eingestimmt
Ein letzter Blick
Auf die Partitur.
Der Frack saß exzellent
Und schon begann der Dirigent
Mit seiner K-Symphonie in Atom-Dur.
Wahnsinn und Genie
Gehen Hand in Hand.
Dieser Taktstock-Meister
War auch dafür bekannt.
Dann stand er da
Mit wirrem Haar
Dem Herzinfarkt verdächtig nah
Und wieder war er
Außer Rand und Band.
Er wurde high von der Musik,
so schnell kam er in Rage.
Der Satan saß ihm im Genick
Und trieb ihn zur Ekstase.
Er heizte das Orchester an
Ein Befehl und hundert Mann
Im ganzen Saal
Ein einziges Gerase.
Die Sopran-Vocalistin
Mit den riesigen Brüsten
Hatte es dem Meister angetan
Doch der liebte einen Herrn
Vom Ballett
Der war sehr nett
Der tanzte immer
Den sterbenden Schwan.
Sie sang so schön sie konnte
Nur für ihren Tänzer
Doch der hörte gar nicht hin.
Denn seine ganze Liebe
Galt nur dem Maestro
Und nicht dieser Sängerin!
Als ich das Stück gesungen hatte gab es riesigen Applaus vom Orchester.
Dann aber mussten sie wieder in ihren Graben und die Oper „Lulu“ ging
weiter.
Peter und ich gingen in den hinteren Bühnenraum und schauten von dort
aus der Aufführung zu. Wir sahen Ingo Metzmacher auf einem kleinen
Bildschirm dabei zu, wie er dirigierte. Es war unfassbar. Diese
Zwölfton-Musik war vom Zuhören in ihrer Vielschichtigkeit her schon kaum
nach zu vollziehen, aber wie einer das nun mit soviel Überblick auch
noch dirigieren konnte, war mir unbegreiflich. Mit offenen Mündern
standen Peter und ich da und staunten.
Dann kam unsere großartige Sopranistin Marlis Petersen. Sie hatte mich,
als ich sie das erste mal sah, sofort für sich eingenommen.. Eine ganz
liebe ist das. Offen, aufgeschlossen, liebenswürdig und sehr charmant
kam sie daher. Alle Herzen flogen ihr schlagartig zu. Und dann die
Arien, die sie sang. Wie eine Sternin erhob sich ihre Stimme über alles,
was da klang und sang. Kraftvoll und ausdrucksstark kämpfte sie mit den
obskuren Tönen, die das Orchester dazu zu spielen hatte. Sie setzte sich
immer wieder durch und jedes Mal, wenn sie sich über die Bläser,
etlichen Kontrabässe und Streicher-Ensembles hinweg gesungen hatte,
erstrahlte ihre Stimme in einem immer neuerem und noch herrlicherem
Klang. Das Publikum und wir alle waren hingerissen. Dabei blieb sie
absolut bescheiden, nett und freundlich im Umgang. Nichts abgehobenes,
durchgeknallt arrogantes war an ihr. Wie eine gute Freundin von nebenan.
Klasse! Ich musste aufpassen, dass ich nicht sofort für sie entflammte,
ich Bänkelsänger.
Dann kam der Schlussapplaus. Auch wir durften uns dem Publikum
präsentieren. Hierachisch, nach Rollenpräsenz angeordnet, wurden die
Darsteller vom Regieassistenten auf die Bühne gelotst. Mein Herz klopfte
bis zum Hals. Ich kannte die Staatsoper vorher ja nur vom Zuschauer-Raum
aus gesehen. Und nun lag diese leere Bühnenfläche vor mir, über die
hinweg ich das magisch beleuchtete Publikum klatschen sah. Als wir zum
Verbeugen dran waren, stürmten wir an den Bühnenrand und siehe da, der
Applaus hob sich in seiner Lautstärke für uns. Wir hatten es geschafft,
wir waren jetzt wirklich drinnen im Ensemble, im Stück. Wie berauscht
verbeugte ich mich und glücklich lachte ich ins Publikum hinein. Dann
kam Peter Konwitschny hinter die Bühne und überreichte uns jedem eine
Rose. Wir waren so gerührt, dass uns die Tränen in den Augen standen.
Derweil nun aber wurden die Haupt-akteure auf die Bühne gerufen. Je nach
Rollenwichtigkeit ging einer nach dem anderen sich den wohlverdienten
Applaus abzuholen. Der Applaus steigerte sich eins ums andere mal. Und
als Marlis die Bühne betrat steigerten sich das Klatschen und die Rufe
zu einem Orkan. Da erkannte ich, über welchen Sachverstand das Publikum
verfügte und als Marlis Petersen,
Ingo Metzmacher und Peter Konwitschny die Bühne gemeinsam betraten, war
nichts weiter als der Teufel los. Peter, der „Skandal-Opern-Regisseur“,
wurde, als er zunächst alleine auf die Bühne ging, sowohl beklatscht,
als auch mit Pfiffen und Buhrufen bedacht.
Diese Inszenierung von ihm war auch wirklich ziemlich krass. Der Gipfel
war, das Marlis sich riesige Plastikbrüste anlegen musste, was
einigermaßen merkwürdig aussah und auch die sexuellen Anspielungen und
Darstellungen riefen den einen oder andern (spießigen) Kritiker auf den
Plan. Ich aber fand es toll. Vor allem die etwas „bordellesken“
Darstellungen. Interessanter Weise sah man, auf dem Bildschirm hinter
der Bühne, nicht nur Ingo Metz-macher beim dirigieren, sondern, im
Halbdunkel, auch einige, meist Männergesichter, aus den vordern
Sitzreihen. Die wussten nicht, dass sie gefilmt wurden. Das Minenspiel
der Herren, das man, wenn man genau hinsah, zu sehen bekam, ließ kaum
Fragen offen. Mehr sag ich nicht dazu.
Peter Unbehauen und ich wurden dann noch freundlich zur Premieren-Feier
zu einem Italiener in der Innenstadt eingeladen, wo wir noch ein paar
Stunden mit diesem bunten Völkchen, in das ich mich auf der Stelle
verliebt hatte, zusammen saßen.
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